Staat

Aus Kap. 13:

 13. Staat

Die Welt als Staat begrei­fen

L’État, c’est moi“ – Der Staat, das bin ich! Viel­leicht das berühm­tes­te und aus heu­ti­ger Sicht anma­ßen­ds­te und ableh­nungs­wür­digs­te Zitat zur Staats­de­fi­ni­ti­on – und nur mit einer klei­nen Abwand­lung und genau­so per­sön­lich schon wie­der modern:

Du bist der Staat!“

So wie das natio­nal ver­bräm­te „Du bist Deutsch­land!“ im Vor­feld der Fuß­ball-WM das gan­ze Volk mit Deutsch­land und der Natio­nal­elf iden­ti­fi­zie­ren soll­te, so könn­te die For­mel „Du bist der Staat!“ alle Men­schen zu dem machen, was sie in der Demo­kra­tie eigent­lich sind: der Sou­ve­rän! Des Vol­kes Wil­le soll sein eige­nes Geschick bestim­men. Glo­bal betrach­tet sind wir alle – HUMANITA – das (Menschen-)Volk im demo­kra­ti­schen Sin­ne, wenn es um die Geschi­cke des Glo­bus geht.

Aber ist denn der demo­kra­ti­sche Maß­stab so selbst­ver­ständ­lich, und was hat es mit dem Volk auf sich? Wie hän­gen Demo­kra­tie, Volk und Staat zusam­men? Wel­che Bedeu­tung hat der Staat, was ist der Staat über­haupt?

Und die Sys­tem­fra­ge: Wel­ches ist denn das bes­te Staats­sys­tem?

Hat Fran­cis Fuku­ja­ma recht, wenn er ver­lau­ten ließ: „Die Fra­ge, die seit Pla­tons Zei­ten alle poli­ti­schen Phi­lo­so­phen beschäf­tigt hat: „Wel­ches ist die opti­ma­le Regie­rungs­form?“, ist jetzt beant­wor­tet. Nach eini­gen Jahr­tau­sen­den des Aus­pro­bie­rens der ver­schie­de­nen Sys­te­me been­den wir nun die­ses Jahr­tau­send in der Gewiss­heit, dass wir mit der plu­ra­lis­tisch-kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tie das gefun­den haben, was wir such­ten“ („Inter­na­tio­nal Herald Tri­bu­ne“, 1989).

Sind wir am Ende der Geschich­te?

Es wäre ver­mes­sen, das zu behaup­ten; viel­mehr brau­chen wir ein neu­es, ein wei­ter­ent­wi­ckel­tes Staats­ver­ständ­nis. GLOCALIS liegt ein solch neu­es Ver­ständ­nis zugrun­de.

Im welt­wei­ten Maß­stab wird man einer­seits fest­stel­len kön­nen, dass wir uns seit der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on auf dem Weg fort-schrei­ten­der Demo­kra­ti­sie­rung befin­den, ande­rer­seits kann von einer flä­chen­de­cken­den Ver­brei­tung nicht aus­ge­gan­gen wer­den.

Was die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur anbe­langt, so ist die Welt in Natio­nal­staa­ten auf­ge­teilt, die als sou­ve­rän gel­ten und in ihren Ver­fas­sun­gen unter­schied­li­che Staats­zie­le defi­nie­ren. So ist gele­gent­lich von so genann­ten Wohl­fahrts­staa­ten die Rede. Die­se haben als wesent­li­ches Staats­ziel die umfas­sen­de sozia­le Für­sor­ge für die Bür­ger, ver­bun­den mit einer gewis­sen über Steu­ern regu­lier­ten Ega­li­sie­rung des Lebens­stan­dards. Zumin­dest wird aber eine mini­ma­le staat­li­che Absi­che­rung der Lebens­ri­si­ken ange­strebt.

Die­se Ent­wick­lung, die teil­wei­se bereits schon unter mon­ar­chi­schen Ver­hält­nis­sen (Preu­ßen, Fried­rich der Gro­ße [1712 – 1786]) begon­nen hat, fand über die Bis­marck­schen Refor­men zum Ende des 19. Jahr­hun­derts Ein­gang in die Gesetz­ge­bung und fin­det Aus­druck in vie­len Ver­fas­sun­gen welt­weit.

Sind wir also im Prin­zip beim demo­kra­ti­schen, markt­wirt­schaft­li­chen Wohl­fahrts­staat ange­kom­men? Ist die Welt, bestehend aus Natio­nal­staa­ten unter­schied­lichs­ter Art und Grö­ße und Macht­po­ten­tia­le, ori­en­tiert an die­sem Modell des Wohl­fahrt­staa­tes, das „Ende der Geschich­te“?

Die Renais­sance stand im Zei­chen des Sit­ten­ver­falls der Kir­che. Dies ließ den Flo­ren­ti­ner Niccolò Machia­vel­li (1469 – 1527) gegen die Macht der Kir­che auf­be­geh­ren. Nach neue­ren Erkennt­nis­sen ist er als einer der ers­ten anzu­se­hen, die „… die Her­auf­kunft oder die Wie­der­kehr eines rein welt­li­chen Bereichs antizipierte[n], [des­sen] Prin­zi­pi­en und Ver­hal­tens­re­geln sich von den Gebo­ten der Kir­che emanzipierte[n] …“ (Han­nah Arendt: Über die Revo­lu­ti­on, S. 43). Er trat für eine kla­re Tren­nung zwi­schen Kir­che und Staat ein und war inso­weit ein Weg­be­rei­ter der Moder­ne. Gewollt oder unge­wollt hat­te er Zuspruch bei den abso­lu­tis­ti­schen welt­li­chen Herr­schern der fol­gen­den Jahr­hun­der­te, denen er mit sei­nem Werk „Il Princi­pe“ („Der Fürst“) die Legi­ti­ma­ti­on für eine Herr­schaft der „Star­ken“ lie­fer­te. Das Prin­zip, das Recht des Stär­ke­ren, kom­me näm­lich einem Natur­ge­setz gleich und habe sich des­halb in der Geschich­te immer wie­der durch­ge­setzt. Der „Star­ke“ kön­ne sogar auf die Zustim­mung der „Schwa­chen“ set­zen, denn bei „den Hand­lun­gen aller Men­schen, ins­be­son­de­re der Fürs­ten, wel­che kei­nen Rich­ter über sich haben, blickt man immer nur auf ihr Ergeb­nis. Der Fürst sehe also nur dar­auf, wie er sich in sei­ner Wür­de behaup­te; die Mit­tel wer­den stets für ehr­bar befun­den und von jeder­mann gelobt wer­den. Denn der Pöbel hält es stets mit dem Schein und dem Aus­gang einer Sache; und die Welt ist vol­ler Pöbel.“ („Il princi­pe“ nach Fried­rich von Oppeln-Bro­ni­kow­ski, S. 88 f.)

Sein Men­schen­bild ist das von Ego­is­ten, die bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit die Gemein­schaft und ihren Herr­scher ver­ra­ten, um einen per­sön­li­chen Nut­zen dar­aus zu zie­hen. Sol­che Men­schen brau­chen eine star­ke Hand, damit der Staat funk­tio­nie­ren kann.

Wegen des Rea­li­täts­man­gels der mora­li­schen Ide­al­vor­stel­lun­gen tritt an deren Stel­le die Effek­ti­vi­tät, die tat­säch­li­che Wirk­sam­keit poli­ti­scher Hand­lun­gen als Bewer­tungs­maß­stab für die Qua­li­tät eines Staa­tes. Der Zweck – näm­lich der Fort­be­stand des Staa­tes – hei­li­ge die Mit­tel, und so ergibt sich für Machia­vel­li hier­aus die Not­we­nig­keit, dass ein Fürst zur Siche­rung sei­ner Herr­schaft bereit sein muss, gegen ethi­sche Nor­men zu ver­sto­ßen: „… dass ein … Fürst nicht all das beach­ten kann, was bei ande­ren Men­schen für gut gilt; denn oft muss er, um sei­ne Stel­lung zu behaup­ten, gegen Treu und Glau­ben, gegen Barm­her­zig­keit, Mensch­lich­keit und Reli­gi­on ver­sto­ßen. Daher muss er ein Gemüt besit­zen, das sich nach den Win­den und nach dem wech­seln­den Glück zu dre­hen ver­mag.“ (Il Princi­pe, aaO, S.88).

Selbst wenn die mora­li­sche Qua­li­tät der machia­vel­li­ni­schen Staats­leh­re umstrit­ten war und ist, so ist ihre his­to­ri­sche Wirk­sam­keit eher in der Legi­ti­ma­ti­ons­hil­fe für star­ke Fürs­ten und libe­ra­le Kapi­ta­lis­ten zu sehen, denen er ein gan­zes Instru­men­ta­ri­um an die Hand lie­fer­te, Schwa­che und poli­ti­sche bzw. wirt­schaft­li­che Geg­ner aus­zu­schal­ten.

Staat ist eine Per­son, deren Hand­lun­gen eine gro­ße Men­ge Men­schen, kraft der gegen­sei­ti­gen Ver­trä­ge eines jeden mit einem jeden, als ihre eige­nen ange­hen, damit die­sel­be nach ihrem Gut-dün­ken die Macht aller zum Frie­den und zur gemein­schaft­li­chen Ver­tei­di­gung anwen­de“ (Tho­mas Hob­bes, Levia­than S. 97).

Dem­ge­gen­über ver­trat Rous­se­au eine radi­kal­de­mo­kra­ti­sche Staats­theo­rie, die nicht das Bestehen­de, vor allem nicht die Mon­ar­chie recht­fer­tig­te. Viel­mehr stellt er den Gleich­heits­ge­dan­ken und die Ori­en­tie­rung an dem Natur­zu­stand in den Mit­tel­punkt sei­ner Über­le­gun­gen zum Staats­we­sen. Der Staat muss dem mensch­li­chen Wesen ent­spre­chen. Herr­schen­de und Beherrsch­te sei­en – wie im Natur­zu­stand – iden­tisch, im Staat wür­den sie zu einer öffent­li­chen Per­son, „die sich auf sol­che Wei­se aus der Ver­ei­ni­gung aller übri­gen bil­det … und heißt jetzt Repu­blik oder Staats­kör­per. […] Die Gesell­schafts­ge­nos­sen füh­ren als Gesamt­heit den Namen Volk und nen­nen sich ein­zeln als Teil­ha­ber der höchs­ten Gewalt Staats­bür­ger und im Hin­blick auf den Gehor­sam, den sie den Staats­ge­set­zen schul­dig sind, Unter­ta­nen.“ (Rous­se­au: Du cont­rat soci­al ou Princi­pes du droit poli­tique, I. Buch, 6. Kap., S. 7)

Wäh­rend die Ver­trags­theo­re­ti­ker eher theo­re­ti­sche Ansät­ze für die Legi­ti­ma­ti­on von Staat und Herr­schaft wähl­ten, ging Mon­tes­quieu (1689 – 1755) in sei­nem Werk „Vom Geist der Geset­ze“ empi­risch vor und stell­te eine umfas­sen­de Betrach­tung his­to­ri­scher Staats­sys­te­me rund um den Erd­ball – soweit Kennt­nis­se hier­zu vor­la­gen – in den Mit­tel­punkt sei­ner Ana­ly­sen und Schluss­fol­ge­run­gen.

Ähn­lich wie die klas­si­schen Vor­bil­der cha­rak­te­ri­siert er die aus sei­ner Sicht grund­le­gen­den Staats­ty­pen nach der Art der Macht­aus­übung und unter­schei­det drei For­men: „Repu­bli­ka­nisch ist die­je­ni­ge Regie­rung, bei der das Volk als Kör­per­schaft bezie­hungs-wei­se bloß ein Teil des Vol­kes die sou­ve­rä­ne Macht besitzt. Mon­ar­chie ist die­je­ni­ge Regie­rung, bei der ein ein­zel­ner Mann regiert, jedoch nach fest­lie­gen­den Geset­zen, wohin­ge­gen bei der des­po­ti­schen Regie­rung ein ein­zel­ner Mann ohne Recht und Gesetz alles nach sei­nem Wil­len und Eigen­sinn abrich­tet.“ (Reclam-Aus­ga­be zu Mon­tes­quieu: Vom Geist der Geset­ze, S. 104)

In sei­ner Bewer­tung, die letzt­lich gro­ße Sym­pa­thi­en für die eng­li­sche Mon­ar­chie und Karl den Gro­ßen zeig­te, stell­te er die Gewal­ten­tei­lung als eine not­wen­di­ge For­de­rung für einen guten Staat her­aus: „Alles wäre ver­lo­ren, wenn ein und der­sel­be Mann fol­gen­de Macht­voll­kom­men­hei­ten aus­üb­te: Geset­ze erlas­sen, öffent­li­che Beschlüs­se in die Tat umset­zen, Ver­bre­chen und pri­va­te Streit­fäl­le abur­tei­len“ (aaO S. 213). Die­ser Tei­lungs­ge­dan­ke hat zahl­rei­che Ver­fas­sun­gen eben­so befruch­tet wie die fol­gen­de staats­po­li­ti­sche Dis­kus­si­on und kann als bahn­bre­chend für die moder­ne Demo­kra­tie bezeich­net wer­den.

Max Weber (1864 – 1920), der als Vater der Sozio­lo­gie gilt, defi­niert den Staat fol­gen­der­ma­ßen: Der Staat ist „die­je­ni­ge mensch­li­che Gemein­schaft, wel­che inner­halb eines bestimm­ten Gebie­tes das Mono­pol legi­ti­mer phy­si­scher Gewalt­sam­keit für sich mit Erfolg bean­sprucht“ (Max Weber, Wirt­schaft und Gesell­schaft, Aus­ga­be 1985, S. 822).

Carl Schmitt (1888 – 1985) stell­te die „sozio­lo­gi­sche“ Fra­ge, wie näm­lich der Staat sich als „poli­ti­sche Ein­heit eines Vol­kes“ kon­sti­tu­ie­re, in den Mit­tel­punkt sei­ner Theo­rie. Wesent­li­cher Zweck eines Staa­tes als „maß­ge­ben­de poli­ti­sche Ein­heit“ sei, inner­halb „sei­nes Ter­ri­to­ri­ums eine voll­stän­di­ge Befrie­dung her­bei­zu­füh­ren, Ruhe, Sicher­heit und Ord­nung her­zu­stel­len und dadurch die nor­ma­le Situa­ti­on zu schaf­fen …“ Dadurch wür­den erst die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen, Rechts­nor­men zu ent­wi­ckeln und durch­zu­set­zen (Carl Schmitt: Der Begriff des Poli­ti­schen, S. 46).

Ein sehr juris­tisch gepräg­tes Staats­ver­ständ­nis ist bei Hans Kel­sen (1881 – 1973) anzu­tref­fen, der den Staat auf etwas rein Juris­ti­sches redu­ziert. Er sei nicht ein Gedach­tes neben oder außer der Rechts­ord­nung, son­dern eben die­se Rechts­ord­nung selbst. Der Staat sei letzt­lich auf Grund­nor­men zurück­zu­füh­ren, die übli­cher­wei­se in einer Ver­fas­sung Aus­druck fän­den, aus der sich – im Ide­al­fall – die gesam­te Rechts­ord­nung her­lei­ten las­se. Der Staat ist bei die­ser juris­ti­schen Betrach­tung sozu­sa­gen iden­tisch mit sei­ner Ver­fas­sung und bedür­fe kei­ner sozio­lo­gi­schen oder natur­recht­li­chen Begrün­dung (Kel­sen, Rei­ne Rechts­leh­re S. 50 f, 319 f).

In jün­ge­rer Zeit wird wenigs­tens im Ansatz die Idee eines Welt­staa­tes dis­ku­tiert. Aus­ge­hend davon, dass im Zeit­al­ter der Glo­ba­li­sie­rung auch ein ver­ein­heit­li­chen­der „Welt­ho­ri­zont“ (Luh­mann: Macht 1975, S. 54) in den Blick genom­men wer­den müs­se, lie­ge die Kon­struk­ti­on einer Welt­ge­sell­schaft nahe, grün­dend auf dem „… Bewusst­sein des Men­schen, das heißt aller Men­schen …“ (Luh­mann: aaO S. 55). Den­noch steht man dem Welt­staat als Fort­set­zung des Natio­nal­staats­kon­zep­tes vor­wie­gend skep­tisch gegen­über, soweit es sich um einen Welt­ein­heits­staat han­delt. Immer­hin wird aber auch das Erstau­nen deut­lich dar­über, dass immer noch in den Kate­go­ri­en des Natio­nal­staa­tes gedacht wird, obwohl „in der Wirk­lich­keit ein die­sem Ide­al­bild auch nur annä­hernd ent­spre­chen­der Natio­nal­staat nir­gend­wo mehr vor­zu­fin­den ist.“ (Mat­thi­as Albert: Welt­staat und Welt­staat­lich­keit, S. 9)

Rudolf Rocker (1873 – 1958) sieht den Kern des Anar­chis­mus in der „Abschaf­fung aller wirt­schaft­li­chen Mono­po­le und aller poli­ti­schen und sozia­len Zwangs­ein­rich­tun­gen inner­halb der Gesell­schaft“. An deren Stel­le soll „eine freie Ver­ei­ni­gung aller pro­du­zie­ren­den Kräf­te auf der Basis koope­ra­ti­ver Arbeit [tre­ten], die ledig­lich dem Zwe­cke dient, die not­wen­di­gen Bedürf­nis­se aller Gesell­schafts­mit­glie­der zu befrie­di­gen, und die nicht län­ger das Son­der­in­ter­es­se pri­vi­le­gier­ter Min­der­hei­ten inner­halb des gesell­schaft­li­chen Ver­bands im Auge hat. An die Stel­le der heu­ti­gen Staats­or­ga­ni­sa­tio­nen mit ihrem toten Räder­werk poli­ti­scher und büro­kra­ti­scher Insti­tu­tio­nen tre­ten die Anar­chis­ten für eine Föde­ra­ti­on frei­er Gemein­den ein, die durch die­sel­ben wirt­schaft­li­chen und sozia­len Inter­es­sen mit­ein­an­der ver­bun­den sind und ihre Ange­le­gen­hei­ten durch gegen­sei­ti­ges Über­ein­kom­men und freie Ver­trä­ge regeln.“ (Rocker: Anar­cho-Syn­di­ka­lis­mus S. 5)

Der Anar­chis­mus sieht also im Staat den Aus­bund der abso­lu­tis­ti­schen Macht, der auch nach der demo­kra­ti­schen oder kom­mu­nis­ti­schen „Macht­über­nah­me“ im Kern erhal­ten geblie­ben sei. Auch im Kom­mu­nis­mus gehe es letzt­lich dar­um, die Pro­duk­ti­ons­mit­tel von der Pri­vat­wirt­schaft einem Staat zu über­ge­ben, und dies füh­re ledig­lich zu einer Dik­ta­tur durch den Staat. Der Staat aber sei nicht ein­mal als Über­gangs­lö­sung akzep­ta­bel, so wie dies die Mar­xis­ten ein­ge­for­dert hat­ten (Rocker aaO S. 14).

Im Alter­na­tiv­mo­dell soll­te an die Stel­le eines zen­tra­len Staa­tes ein frei­es Gefü­ge von so genann­ten „Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­mein­schaf­ten“ tre­ten. Je nach der Art des Pro­blems soll­ten Gemein­de- und Stadt­vier­tel­kör­per­schaf­ten oder Berufs- und Betriebs­grup­pen zu all­ge­mei­nen Voll­ver­samm­lun­gen zusam­men­kom­men und in einer frei­en Dis­kus­si­on nach Lösun­gen suchen. Soll­ten Ent­schei­dun­gen anste­hen, wel­che mehr als eine sol­che poli­ti­sche Grund­ein­heit betref­fen, wür­den die Voll­ver­samm­lun­gen Dele­gier­te auf die nächst­hö­he­re Ebe­ne ent­sen­den. Trotz sol­cher Dele­gier­ten­ver­samm­lun­gen blei­be es der Ent­schei­dung jeder ein­zel­nen Gemein­schaft über­las­sen, ob sie an den Beschlüs­sen und Betä­ti­gun­gen der wei­te­ren Gemein­schaf­ten teil­neh­men wol­len oder nicht. Durch eine sol­che strik­te Ein­hal­tung des Prin­zips der Dezen­tra­li­sa­ti­on kom­me „viel­leicht manch­mal die Ein­heit­lich­keit der Geschäfts­ge­ba­rung zu kurz“, Bunt­heit sei aber „kein Feh­ler für den, dem nicht juris­ti­sches und legis­la­ti­ves Den­ken das Höchs­te ist“ (Gus­tav Land­au­er (1870 – 1919) aus dem Brief vom 12. April 1919 an sein Amt).

Mur­ray Book­chin (1921 – 2006) als einer der expo­nier­ten Ver­tre­ter die­ser öko­lo­gisch-liber­tä­ren Bewe­gung in den USA bedau­ert vor allem, dass die Men­schen dabei sind, infol­ge der Bedin­gun­gen der Indus­trie­ge­sell­schaft ihre Fähig­keit zu ver­lie­ren, sich selbst als Teil des gro­ßen Gan­zen wahr­zu­neh­men. Das Fata­le sieht er in der Rol­le der Macht und in den Macht­ver­hält­nis­sen. Es bestehe eine düs­te­re, nichts Gutes ver­hei­ßen­de Sym­bio­se zwi­schen „dem­je­ni­gen, der Macht erbit­tet, und dem­je­ni­gen, der sie arro­gant aus­übt“. Die Beru­fung auf die­se Macht „dient unwei­ger­lich der Bestä­ti­gung und Bestär­kung des Staa­tes, der am Ende das Volk ent­mach­tet. … Wo immer der Staat Macht erhält, geschieht dies auf Kos­ten der Volks­macht. Und umge­kehrt: Alle Macht, die das Volk gewinnt, ent­reißt es dem Staat. Wer die Staats­macht legi­ti­miert, ent­le­gi­ti­miert im End­ef­fekt die Volks­macht.“ Das Glei­che gel­te im Übri­gen auch für die Öko­lo­gi­sche Bewe­gun­gen, die sich in par­la­men­ta­ri­sche Akti­vi­tä­ten bege­ben, sie sähen sich „gezwun­gen, inner­halb des Staa­tes zu funk­tio­nie­ren und letz­ten Endes Blut von sei­nem Blu­te und Fleisch von sei­nem Flei­sche zu wer­den.“ (Book­chin: Die Neu­ge­stal­tung der Gesell­schaft S. 158)

Mein Staats­ver­ständ­nis

Staats­ge­schich­te und Staats­theo­rie wer­den wahr­schein­lich eine unend­li­che Geschich­te blei­ben – es sei denn, wir sehen dem Ende der Mensch­heits­ge­schich­te ent­ge­gen, einem selbst­ge­mach­ten.

Geht es also letzt­end­lich um den Erhalt der Mensch­heit, so stellt sich die Fra­ge: Wie kön­nen wir das errei­chen? Hilft uns dazu der Staat, und wenn ja, wel­che Form des Staa­tes?

Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, dass die herr­schen­de der­zei­ti­ge rea­le Staats­vor­stel­lung, wenn sie sich in ihrem natio­nal­staat­li­chen Selbst­ver­ständ­nis fort­setzt, wahr­schein­lich kein Lösungs­mo­dell für die glo­ba­len Pro­ble­me – und nicht nur die­se – bie­tet. Sie wird sie zumin­dest nicht recht­zei­tig lösen kön­nen.

War­um kei­ne Anar­chie?

Brau­chen wir zur Selbst­er­hal­tung über­haupt einen Staat? Gibt es nicht viel­leicht auch eine anar­chis­ti­sche Lösung?

Die Anar­chie, wenn man hier­un­ter die archai­schen Gesell­schafts­for­men vor der Ent­wick­lung des Staats­we­sens ver­ste­hen will, hat zumin­dest frü­her eine all­zu star­ke sozia­le Dif­fe­ren­zie­rung (Arm und Reich) und aus­ufern­de Macht­kon­zen­tra­tio­nen ver­hin­dern kön­nen. Will man dies auf die gegen­wär­ti­ge Gesell­schaft über­tra­gen, so könn­te das – bei den ake­pha­len („kopf­lo­sen“) Gesell­schaf­ten vor­han­de­ne – Leit­bild der Basis- und Gemein­wohl-Ori­en­tie­rung durch­aus moti­vie­rend sein. Will man aber auf staat­lich orga­ni­sier­te Ent­schei­dun­gen ver­zich­ten, so muss – in einer glo­ba­len Gesell­schaft – wenigs­tens die Mög­lich­keit gege­ben sein, Ent­schei­dun­gen auch über die jewei­li­gen ört­li­chen Gemein­schaf­ten hin­aus zu tref­fen.

Es mag vor­stell­bar sein, dass sol­che Ent­schei­dun­gen in spon­ta­ner (nicht gene­rell orga­ni­sier­ter) Form auf regio­na­ler halb­wegs über­schau­ba­rer Ebe­ne noch her­bei­ge­führt wer­den kön­nen. Aber in der modern ent­wi­ckel­ten Gesell­schaft ist das schon für eine grö­ße­re Stadt und eine dicht besie­del­te Regi­on kaum mehr theo­re­tisch dar­stell­bar und fak­tisch nicht rea­li­sier­bar. Man stel­le sich nur vor, wie auf sol­chem Weg über Ver­kehrs­ver­bin­dun­gen und -ein­rich­tun­gen, grö­ße­re­re Pro­duk­ti­ons­an­la­gen oder so etwas wie ein über­ge­ord­ne­tes Gerichts­we­sen ent­schie­den wer­den soll­te.

Erst recht muss bezwei­felt wer­den, ob sich mit die­ser Gesell­schafts­vor­stel­lung die kom­ple­xen Pro­ble­me der Mensch­heit lösen lie­ßen, schon gar nicht, wenn man berück­sich­tigt, dass wir wahr­schein­lich nicht mehr lan­ge Zeit haben wer­den, um die Ent­schei­dun­gen für die rich­ti­gen Wei­chen­stel­lun­gen zu tref­fen (Kli­ma, Res­sour­cen).

Viel bedeu­ten­der aber ist noch der Ein­wand, dass die anar­chis­ti­sche Gesell­schafts­vor­stel­lung letzt­lich den Star­ken begüns­tigt, der mit Wort- und – schlim­mer noch – ande­rer Gewalt die Ent­schei­dungs­pro­zes­se zu sei­nen Guns­ten bewe­gen kann. Selbst wenn man theo­re­tisch von der Gleich­be­rech­ti­gung – in der Anar­chie nicht ein­mal gere­gelt – aus­ge­hen woll­te, wäre es ein Leich­tes, dies fak­tisch durch Mani­pu­la­ti­on und Druck aus­zu­he­beln.

Die Skep­sis der moder­nen Anar­chis­ten mag letzt­lich auf die his­to­risch ein­schlä­gi­gen Erfah­run­gen mit den mon­ar­chi­schen und des­po­ti­schen Herr­scher­sys­te­men zu tun haben. Sie wird auch in der aktu­el­len (Par­tei­en-) Demo­kra­tie dadurch genährt, dass qua­si olig­ar­chi­sche Ver­hält­nis­se ein­ge­tre­ten sind. Solan­ge „das Sys­tem“ einem Herr­scher oder einer Grup­pe von Herr­schen­den dient, kann es nicht wirk­lich eine Opti­mie­rung der Bedürf­nis­be­frie­di­gung aller bedeu­ten. Dies wäre – rein theo­re­tisch – nur dann der Fall, wenn die­ser Herr­scher oder die Herr­scher­grup­pe sich ver­pflich­tet sähe, genau dies zu tun, näm­lich zu ermit­teln, was alle oder doch die aller­meis­ten wol­len, und genau dies und nicht das Eigen­in­ter­es­se durch­zu­set­zen. Da die­se pla­to­ni­sche Illu­si­on des Phi­lo­so­phen­kö­nigs (oder herr­schen­der Grup­pe, gleich ob Adel oder Mehr­heits­par­tei) irre­al erscheint, ist der kri­ti­sche Stand­punkt inso­weit ver­ständ­lich. Aber nur wegen schlech­ter „Herr­schafts­er­fah­rung“ und schlech­ter „Herr­schafts­er­war­tung“ den Staat gänz­lich abzu­leh­nen, hie­ße das Kind mit dem Bade aus­zu­schüt­ten.

Kann uns die Reli­gi­on wei­ter­hel­fen? Was ist mit der Visi­on vom Got­tes­staat?

Ange­sichts der aktu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Isla­mis­mus, mit dem Anspruch einer Reli­gi­on, die ethi­schen Vor­aus­set­zun­gen auf die­sem Pla­ne­ten bestim­men zu dür­fen, muss auch die­se Fra­ge beant­wor­tet wer­den. Hier soll­te der Blick auf die Geschich­te der christ­li­chen Reli­gi­on lehr­reich sein. Aus der augus­ti­ni­schen Visi­on des Got­tes­staa­tes ist der beschei­de­ne Ver­such gewor­den, den jewei­li­gen christ­li­chen Glau­ben wenigs­tens in der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on zu erhal­ten. Man ist froh, wenn man sei­nen eige­nen Rechts­be­reich behal­ten darf (Kir­chen­recht), und die aller­meis­ten Chris­ten akzep­tie­ren, dass die Gesell­schaft sich in reli­gi­ös und welt­an­schau­lich neu­tra­len Staa­ten orga­ni­siert. Die­se nach der Auf­klä­rung mühe­voll errun­ge­ne Tole­ranz und die Unab­hän­gig­keit von Staat und Reli­gi­on sind ein „Kul­tur­gut der Mensch­heit“ und bedür­fen des Schut­zes durch die orga­ni­sier­te Mensch­heit. Kei­ne Reli­gi­on – mit wel­chem Recht auch? – soll den Anspruch erhe­ben dür­fen, mit ihrem ethi­schen Ver­ständ­nis die Mensch­heit zu domi­nie­ren, schon gar nicht mit krie­ge­ri­schen oder ter­ro­ris­ti­schen Mit­teln.

Nein, wir soll­ten uns eman­zi­pie­ren und uns unab­hän­gig davon auf die Suche nach der Ord­nung bege­ben, die uns als Mensch­heit am ehes­ten ent­spricht. Aber was tun, wenn die für die Grund­ord­nung erfor­der­li­chen Grundnorm(en) – so die auf­ge­klär­te Denk­wei­se – nicht vom Him­mel fal­len? Es geht also nicht dar­um, Got­tes Wil­len zu erfor­schen, son­dern den­je­ni­gen der Men­schen. Gibt es die­sen all­ge­mei­nen Wil­len? Wie brin­ge ich ihn in Erfah­rung? Kann man davon aus­ge­hen, dass der so (wie auch immer) ermit­tel­te Wil­le auch garan­tiert, dass für alle (die aller­meis­ten) das Bes­se­re her­aus­kommt? Und wer sagt, was das Bes­se­re ist?

Span­nen­de Fra­gen blei­ben: Wer legi­ti­miert sie – d.h. wer ist das Volk? Für was, wel­che Kom­pe­ten­zen, für wen sol­len die Nor­men gel­ten? Wie kom­me ich zu räum­li­chen und zeit­li­chen Abgren­zun­gen? Hier­zu blei­ben die Ver­trags­theo­re­ti­ker viel­fach zu wenig dif­fe­ren­ziert.

Muss man nicht die Mensch­heit als „Volk“ in die­sem Sin­ne begrei­fen? Gibt es ande­re abgrenz­ba­re Ein­hei­ten, die man als „Volk“ defi­nie­ren kann, ist man nicht gar Teil von vie­len „Völ­kern“, die jeweils ihr All­ge­mein­wohl defi­nie­ren kön­nen dür­fen?

Der Staat, der von einem idea­len kom­mu­nis­ti­schen Men­schen­bild aus­geht, der die Men­schen dahin erzie­hen will und mit Zwang die­sen Weg ver­folgt, wird der Viel­falt der Indi­vi­du­en nicht gerecht, er wird – auch dies zeigt die Ent­wick­lung in den kom­mu­nis­ti­schen (sozia­lis­ti­schen) Staa­ten – auf Wider­stand sto­ßen, und zwar auf Wider­stand derer, die – zu Recht – auf die Ach­tung ihrer Indi­vi­dua­li­tät drän­gen. Bei aller Berech­ti­gung eines Gemein­we­sens, den Gemein­sinn zu for­dern und zu för­dern – sowohl im Sin­ne des „Wir“ als auch des Ein­zel­nen –, so scha­det sich die Gemein­schaft selbst, wenn sie ver­sucht, Kol­lek­tiv­zwän­ge durch­zu­set­zen, die der Indi­vi­dua­li­tät und der rea­len Bedürf­nis­la­ge vie­ler Men­schen nicht ent­spre­chen. Der Mensch darf nicht im Wesent­li­chen zum Plan­ob­jekt einer herr­schen­den Arbei­ter­klas­se bzw. deren Füh­rung wer­den. Dies war aber lei­der ver­brei­tet das rea­le Ergeb­nis des kom­mu­nis­ti­schen Ver­suchs.

Die his­to­ri­sche Leis­tung der kom­mu­nis­ti­schen Idee und der durch sie aus­ge­lös­ten Bewe­gung besteht aber dar­in, nicht nur die Gewähr­leis­tung der huma­nis­ti­schen Wer­te als Staats­zweck zu sehen, son­dern auch die Befrie­di­gung der mate­ri­el­len Bedürf­nis­se für alle als wesent­lich zu erach­ten.

Nein, das libe­ra­le Modell ist ein Modell der Star­ken, der sozia­len Spal­tung, des Ich und nicht des Wir; es ist Hort des aus­ge­präg­ten Indi­vi­dua­lis­mus – inso­weit viel­leicht sogar mit dem Anar­chis­mus ver­gleich­bar –, aber zusätz­lich auch noch staat­lich abge­si­chert und ver­fes­tigt. Es ist kein wirk­lich sozia­les Modell, das auch nur ansatz­wei­se rea­le Gleich­be­rech­ti­gung gewähr­leis­ten kann, und kommt daher nicht als Leit­ziel für einen Staat in Betracht, der für die gesam­te Mensch­heit einen Fort­schritt brin­gen soll.

Wenn man demo­kra­tisch fra­gen wür­de, wer denn die­sen libe­ra­len Staat („Nachtwächter“-Staat) möch­te, so wür­den dies die wenigs­ten sein, wenn sie wüss­ten, dass dies zu einer Ver­stär­kung vor­han­de­ner Ungleich­hei­ten füh­ren wür­de.

Zwar hat es offen­sicht­lich immer schon Den­ker gege­ben, die in glo­ba­len Kate­go­ri­en gedacht haben (Augus­ti­nus, Kant, Kel­sen, Luh­mann), letzt­lich ist es aber (erst ein­mal) bei der natio­na­len Auto­no­mie geblie­ben. Wie läh­mend das ist, emp­fin­den wir der­zeit sowohl bei den poli­ti­schen Kri­sen im Ori­ent – dort mit vie­len unschul­di­gen Todes­op­fern – als auch bei der Welt­kli­ma­fra­ge und bei den Finanz­kri­sen.

Man muss den Ein­druck gewin­nen, als ob man in der staats­recht­li­chen Rea­li­tät ab der Natio­nal­staats­ebe­ne auf­hört, „staat­lich“ zu den­ken.

War­um soll alles, was zwi­schen Men­schen, zwi­schen Mensch und Staat, zwi­schen Mensch und Natur letzt­lich zu regeln ist, vom Natio­nal­staat abhän­gen?

Ange­sichts der unter­schied­li­chen Grö­ße, der unter­schied­li­chen Geschich­te und der unter­schied­li­chen (demo­kra­ti­schen) Qua­li­tät von Natio­nal­staa­ten kann dies weder selbst­ver­ständ­lich noch gut sein. Es ent­behrt auch jeg­li­cher Logik, dass der Urgrund aller Legi­ti­ma­ti­on vom räum­li­chen Bezug her qua­si aus der „Mit­te“ defi­niert wird. Es gibt weder eine kon­se­quen­te Logik von „unten nach oben“ noch von „oben nach unten“. Es fehlt nicht nur eine logisch nach­voll­zieh­ba­re Legi­ti­ma­ti­ons­her­lei­tung, was den Raum-, son­dern auch was den Volks-Bezug anbe­langt.

Die Rol­le des Natio­nal­staats ist letzt­lich nur his­to­risch erklär­bar und im Wesent­li­chen ein Relikt der Herr­schafts­zei­ten und kein Pro­dukt der auf­ge­klär­ten Demo­kra­tie.

Wir „woh­nen“ auf die­sem Erd­ball wie in einem kom­ple­xen Gebäu­de, und es ist offen­sicht­lich, dass es die­sem glo­ba­len Rege­lungs­be­reich und auch ein glo­ba­les Rege­lungs­be­dürf­nis gibt, denn wir wol­len – gleich­be­rech­tigt – die Vor­stel­lung haben, dass wir nach­hal­tig in die­sem Gebäu­de ange­mes­se­ne Wohn­räu­me vor­fin­den, dass die­se Räu­me sicher sind und fair ver­teilt wer­den.

Wie die zahl­rei­chen Abkom­men bele­gen, die mul­ti­la­te­ral vor allem im Rah­men der UNO getrof­fen wer­den, und wie die Men­schen­rechts­pro­ble­ma­tik auf­zeigt, gibt es also eini­ge Belan­ge, die alle Men­schen ange­hen, und so müs­sen auch alle Men­schen die Befug­nis haben, orga­ni­siert die­se Din­ge für sich zu regeln. Sie müs­sen in der Lage sein, dar­über zu ent­schei­den, ob und was sie für alle gere­gelt haben wol­len, sofern es alle angeht. Dies ist die Legi­ti­ma­ti­on für den Welt­staat und für das Welt­recht, dies ist der Ansatz für HUMANITA als recht­li­che Ein­heit der Mensch­heit, den Ansatz „von oben“.

Aber auch die umge­kehr­te Argu­men­ta­ti­on hat ihre Berech­ti­gung:

Mit dem glei­chen Recht, mit dem jetzt eine Nati­on als auto­no­mes Sub­jekt sich als frei­er Ver­trags­part­ner sieht, um mit den Natio­nen des Kon­ti­nents oder sogar welt­weit Ver­trä­ge abzu­schlie­ßen, mit dem glei­chen Recht müss­te die kom­mu­na­le Gemein­schaft (als Rechts­per­son des kom­mu­na­len Vol­kes) auch hin­ge­hen kön­nen, um mit den ande­ren Kom­mu­nen freie Ver­trä­ge abschlie­ßen zu kön­nen, um das über­ört­li­che Recht zu regeln. Die Exis­tenz von Stadt­staa­ten beweist, dass dies nicht nur theo­re­tisch denk­bar, son­dern auch Rea­li­tät ist.

Wie die Ver­trags­theo­re­ti­ker soll­te man die Ver­nunft als Maß­stab neh­men, wenn man ent­schei­den will, wel­ches der bei­den Legi­ti­ma­ti­ons­sys­te­me den Vor­zug ver­dient. Die Ver­nunft ver­langt zunächst, dass es kei­ne ein­an­der wider­spre­chen­den Nor­men geben soll­te. Die Ver­nunft sagt auch, dass unter gleich­be­rech­tig­ten Men­schen das gel­ten soll­te, was man mit­ein­an­der ver­ein­bart hat. Fakt ist, dass ich weder etwas mit allen Bür­gern der ört­li­chen Gemein­schaft noch der Nati­on und schon gar nicht mit allen Men­schen ver­ein­bart habe, jeden­falls nicht unmit­tel­bar.

Und wen habe ich dazu beauf­tragt, zu bestim­men, wo was gere­gelt wer­den soll und wel­che Art von Recht im Kon­flikt­fall wich­ti­ger oder höher ist?

Dazu zwei Bei­spie­le: Nach der der­zei­ti­gen Rechts­la­ge kön­nen die Mone­gas­sen dar­über bestim­men, wie mit einem Schwan­ger­schafts­ab­bruch umzu­ge­hen ist. Sie kön­nen ein Gesetz dazu erlas­sen und müs­sen nie­man­den um Geneh­mi­gung bit­ten, die Fran­zo­sen nicht, kei­ne Euro­pä­er und die UNO schon gar nicht. Die Köl­ner dür­fen das nicht, nicht ein­mal die 18 Mil­lio­nen Nord­rhein-West­fa­len. Die Fra­ge müss­te sein: Wer, d.h. wel­cher Per­so­nen­kreis, soll­te denn dar­über bestim­men, wann und ob eine Schwan­ger­schaft abge­bro­chen wer­den darf? Ist das eine Fra­ge des loca­len oder gar des glo­ba­len Rechts­krei­ses?

Vie­les spricht dafür anzu­neh­men, dass dies eine Fra­ge der Men­schen­rech­te, des glo­ba­len Rechts­krei­ses ist. Von daher macht es kei­nen Sinn, wenn die­se Fra­ge von Mona­co anders ent­schei­den wird als von Niz­za. Die­se Fra­ge wür­de ich jeden­falls ger­ne mit allen Men­schen ver­ein­ba­ren (las­sen) wol­len und nicht nur mit den Deut­schen (wie der­zeit).

Zwei­tes Bei­spiel: Die Fra­ge nach dem Stutt­gar­ter Bahn­hof (Stutt­gart 21). Ist das eine Fra­ge – um ganz klein anzu­fan­gen –, die der betrof­fe­ne Stadt­teil zu ent­schei­den hat, dort, wo die Häu­ser und die Bäu­me fal­len? Ist es die Stadt ins­ge­samt, die Regi­on, aus der sich ein Groß­teil der Ver­keh­re gene­riert? Das Bun­des­land (was haben die Bade­ner damit zu tun?), Deutsch­land (weil es einen guten Teil finan­ziert?), Euro­pa (weil man jetzt schnel­ler von Paris nach Bra­tis­la­va fah­ren will) oder gar die glo­ba­le Gemein­schaft (weil auch Ame­ri­ka­ner und Chi­ne­sen ger­ne schnell in Stutt­gart sein wol­len und sich auch für die Stadt­äs­the­tik inter­es­sie­ren)?

Die­se Bei­spie­le ver­deut­li­chen, dass vie­les für ein glo­ba­les Legi­ti­ma­ti­ons­sys­tem spricht. Die Mensch­heit (HUMANITA) ist die der­zeit größ­te denk­ba­re und sinn­vol­le Rechts­ein­heit. So wie man bis­her das Rechts­ver­hält­nis von Bür­ger zum Natio­nal­staat defi­nier­te, so lässt sich dies auch vom Men­schen zur Mensch­heit unmit­tel­bar defi­nie­ren. Es ist das Ver­hält­nis des Indi­vi­du­ums zum größ­ten „Wir“, von PERSONA zu HUMANITA

Wie aber soll die Sta­tik des inte­gra­ti­ven Welt­staats­sys­tems aus­se­hen? Wie vie­le Eta­gen und, vor allem, wel­ches Fun­da­ment benö­ti­gen wir?

Bei die­sen Über­le­gun­gen soll­ten zwei Gedan­ken lei­tend sein:

  • Das Recht auf sozia­le Selbst­ver­wirk­li­chung, das letzt­lich lokal ange­sie­delt ist. Die Bunt­heit der sozia­len Lebens­for­men ist groß und soll erhal­ten blei­ben. Sie spielt sich in ers­ter Li-nie im loka­len Bereich ab. Zwar gibt es die Flä­chen­staa­ten und Reli­gio­nen, die ihre Lebens­vor­stel­lun­gen über gan­ze Gebie­te flä­chen­de­ckend ver­brei­ten, aber das ist nicht über­all so und muss auch nicht so sein. Daher soll­te man – wie im Fall von Mona­co – das Recht jeder ört­li­chen Gemein­schaft respek­tie­ren, sich selbst zu gestal­ten, all das auto­nom zu regeln, was die Bür­ger des Ortes angeht und was sie regeln wol­len.
  • Funk­tio­na­li­tät: Bei all dem, was vor allem auch im Bereich der Infra­struk­tur (z.B. Stutt­gart 21) zu regeln ist, wäre sowohl die loka­le als auch die glo­ba­le Ebe­ne über­for­dert, hier ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen zu orga­ni­sie­ren. Letzt­lich aus Grün­den der Zweck­mä­ßig­keit und der Prak­ti­ka­bi­li­tät sind daher meh­re­re staat­li­che Ebe­nen erfor­der­lich, zumin­dest sinn­voll. 

Wäh­rend sowohl die Anzahl als auch die Ein­rich­tung der ver­schie­de­nen Eta­gen Gestal­tungs­räu­me las­sen, sind aber vor allem die glo­ba­le (Dach) und die loka­le Ebe­ne (Fun­da­ment) von beson­de­rer Bedeu­tung auch hin­sicht­lich der Legi­ti­ma­ti­on.

In einem Satz: Der Schritt von der natio­na­len Legi­ti­ma­ti­on zur glo­ca­li­schen (glo­bal und local) ist ein Schritt zu mehr Ratio­na­li­tät, wel­che die Rechts­ord­nung klar an den Rech­ten des Ein­zel­nen, der loca­len Gemein­schaf­ten und der Mensch­heit aus­rich­tet.

So passt zu die­sem Staats­ver­ständ­nis bes­ser das Bild von den Sta­chel­schwei­nen im Win­ter, denn sie müs­sen sich vor den Sta­cheln des andern schüt­zen und gleich­zei­tig die nöti­ge Wär­me orga­ni­sie­ren. Im Kern ste­hen also ein Schutz- und ein För­der­ge­dan­ke.

Hin­zu kommt der Gerech­tig­keits­ge­dan­ke, näm­lich dass wir glei­che Chan­cen und glei­che Antei­le an den gemein­sam geschaf­fe­nen Wer­ten haben wol­len und sol­len. Dies gilt es zu orga­ni­sie­ren, welt­weit.

GLOCALIS knüpft damit letzt­lich an die Ver­trags­theo­ri­en an und ver­tritt einen eher rela­ti­vis­ti­schen Stand­punkt, näm­lich dass die kon­kre­te staat­li­che Ord­nung dem Wil­len der jewei­lig exis­tie­ren­den PERSONA und COMUNIA zu ent­spre­chen hat, aller­dings mit der Ein­schrän­kung, dass die gesam­te Orga­ni­sa­ti­on sich dar­an mes­sen las­sen muss, inwie­weit sie in der Lage ist, PERSONA und COMUNIA zu schüt­zen und fai­re, gleich­be­rech­tig­te Bedin­gun­gen für deren Exis­tenz zu schaf­fen. Die­se Maß­stä­be mag man als „natur­recht­li­che Maß­stä­be“ jen­seits des posi­ti­ven Rechts inter­pre­tie­ren. Dar­auf kommt es aller­dings nicht an, denn ent­schei­dend ist, dass wir, die Mensch­heit, gemein­sam (mehr­heit­lich) die­se Maß­stä­be anle­gen wol­len, und das nach­hal­tig.

Die­sem Anspruch genügt die der­zei­ti­ge Orga­ni­sa­ti­on der Mensch­heit nicht, sie bedarf daher der Ände­rung.

Die his­to­ri­schen Erfah­run­gen zei­gen aber die Not­wen­dig­keit auf, Staats­ge­walt, vor allem auch die bewaff­ne­te Staats­ge­walt, auf­zu­tren­nen. Inzwi­schen spricht man von ver­ti­ka­ler und hori­zon­ta­ler Gewal­ten­tei­lung. Ist es nicht zuletzt ein Ver­dienst von Mon­tes­quieu und den Auf­klä­rern, dass die abso­lu­tis­ti­sche Macht­kon­zen­tra­ti­on („L’État, c’est moi“) in die drei zu tei­len­den Gewal­ten (Legis­la­ti­ve, Exe­ku­ti­ve, Judi­ka­ti­ve) auf­ge­löst wur­de, so erfor­dert die zusam­men­rü­cken­de Welt mit sich stei­gern­den mili­tä­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Poten­tia­len und den damit ver­bun­de­nen grö­ße­ren Gefah­ren eine Wei­ter­ent­wick­lung des Gewal­ten­tei­lungs­mo­dells. Dies dien­te nicht zuletzt der staats­in­ter­nen Balan­ce und Kon­trol­le und näh­me den Bür­gern wenigs­tens einen Teil des Miss­trau­ens in die eige­ne staat­li­che Orga­ni­sa­ti­on.

In die­sem Sin­ne hal­te ich der­zeit ein 5 x 5-Sys­tem für die ange­mes­se­ne Lösung: Der Staat soll­te sich – wie bereits aus­ge­führt – in 5 staat­li­che Ebe­nen (ver­ti­kal) tei­len und die Gewal­ten (Auf­ga­ben, Zustän­dig­kei­ten) ver­nünf­tig und aus­ge­wo­gen den ent­spre­chen­den Ebe­nen zuord­nen. Gleich­zei­tig soll­te aber auch in jeder Ebe­ne die Staats­ge­walt auf 5 selb­stän­di­ge Säu­len ver­teilt wer­den.

Demo­kra­tie ist für alle Bür­ger im Übri­gen, unab­hän­gig von der Staats­form an der Basis, inso­fern gewähr­leis­tet, als für jede Ebe­ne die Mög­lich­keit der Volks­ab­stim­mung gege­ben sein muss. Somit wird deut­lich, dass der Bür­ger letzt­lich – im glo­ba­len Maß­stab gese­hen – der Sou­ve­rän ist, bzw. wird. Den­noch wird der Groß­teil der prak­ti­schen Poli­tik, so wie dies auch jetzt schon weit­ge­hend Rea­li­tät ist, im Wege der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie statt­fin­den. Die Erfah­rung zeigt auch, dass hier­zu eine gewis­se prak­ti­sche Not­wen­dig­keit besteht, da die Viel­zahl der für das Gemein­wohl zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen nicht alle­samt durch Volks­ab­stim­mun­gen bewäl­tigt wer­den kann.

Die glo­ca­li­sche Demo­kra­tie kann das Rest­ri­si­ko, dass es zu schlech­ten Ent­schei­dun­gen für das Gemein­we­sen kommt, nicht aus­schlie­ßen, aber sie mini­miert das Risi­ko, unter die Herr­schaft eines dem­ago­gi­schen Des­po­ten zu kom­men, und opti­miert das Aus­wahl­ver­fah­ren für die Men­schen, die für das All­ge­mein­wohl Ver­ant­wor­tung tra­gen sol­len.

Nach­dem nun die wesent­li­chen Ele­men­te des glo­ca­li­schen Staats­ver­ständ­nis­ses beleuch­tet sind, lässt sich danach der Staat etwa wie folgt defi­nie­ren:

Als Staat soll das orga­ni­sier­te „Wir“ der Mensch­heit, die Gesamt­heit des Gemein­we­sens, bezeich­net wer­den, das von der comu­na­len bis zur glo­ba­len Ebe­ne in einem Sys­tem der hori­zon­ta­len und ver­ti­ka­len Gewal­ten­tei­lung Kom­pe­ten­zen zu Rege­lun­gen in jedem Lebens­be­reich hat, und zu deren Durch­set­zung befugt ist.

Wir soll­ten begrei­fen, dass wir nicht nur Bür­ger eines Natio­nal­staa­tes sind – so das bis­her vor­herr­schen­de Ver­ständ­nis –, son­dern dass es die­se vie­len „Wirs“ gibt, die alle ihre sinn­vol­le Berech­ti­gung haben, von denen aber ins­be­son­de­re zwei der Stär­kung bedür­fen:

  • unser Ver­ständ­nis als Men­schen­volk, damit wir die Mensch­heit end­lich befrie­den, die Erde und ihre Früch­te gerecht tei­len und sie im Ein­klang mit den natür­lich-öko­lo­gi­schen Bedin­gun­gen besie­deln kön­nen,
  • und unser Ver­ständ­nis als ört­li­che Gemein­schaft, damit der Lebens­wert dort wie­der steigt, wo wir ihn am nötigs­ten brau­chen, näm­lich in der direk­ten ört­li­chen und mensch­li­chen Umge­bung. Dar­um soll­ten wir uns in ers­ter Linie küm­mern und die gesamt­staat­li­che Orga­ni­sa­ti­on soll­te uns dabei hel­fen.

Das ist der Kern des neu­en Staats­ver­ständ­nis­ses, das ist die Bot­schaft von GLOCALIS.

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