Motive

Heißt GLOCALIS das „Unmögliche“ wagen?

Jedenfalls bedeutet es tiefgreifende staatliche und gesellschaftliche Änderungen. Aber warum das, warum an das Knochengerüst herangehen, wenn es doch möglicherweise eine kleine Operation am Fleisch, vielleicht sogar ein Pflaster auch schon täte? Genügt es denn nicht, wenn man sich und den seinen, Familie, Freunden, Bekannten, Kollegen gelegentlich Gutes tut und anderen nicht Schlechtes? Und wenn denn jeder so täte, wäre die Welt dann nicht auch in Ordnung? Wenigstens einigermaßen? Wenigstens könnte man sich sagen:

An dir liegt es jedenfalls nicht! Und wenn es dann mit der Menschheit
und dem Planeten bergab geht, dann sind die anderen schuld … aber was nutzt das unseren Kindern?
Nun mag das eine wie das andere Illusion sein, wenn man den fatalistischen Realismus teilt, der da heißt: Wir können es eh nicht ändern, jedenfalls nicht im Großen. Und auf die vielen anderen kleinen Welten haben wir auch keinen Einfluss …
Wenn man aber – und sei es nur zum eigenen Wohlbefinden – nicht die Hoffnung aufgibt, dass die Menschheit es doch noch irgendwie schaffen kann, sich als intelligenter Teil des Gesamtökosystems Erde zu begreifen und sich friedlich in die biologischen Rahmenbedingungen einzufügen, dann stellt sich die Frage: Was ist denn der Weg? Kann es wirklich genügen, sich hinzustellen und zu sagen: Tu Gutes und rede vielleicht auch noch darüber und dann wird das Ganze wie ein Dominosystem funktionieren und deine Ur…Urenkel werden es dann wirklich besser haben?
Altes Elternmotiv, die Sorge für die Kinder! Wenn sie nicht wäre, könnte die schnelle Blutsaugermentalität die richtige Lebensphilosophie sein: Schnell die Ader finden, sich lust-voll-saugen und nicht danach fragen, wer denn da das Blut spendet und wie lange. Vielleicht spielt dann nicht einmal die eigene Lebensdauer die große Rolle, sondern nur, dass man wenigstens eine gute genussvolle Zeit hatte: Besser 40 Jahre aus dem Vollen gelebt, mit Herzinfarkt gestorben, als 80 Jahre sich sorgenvoll und ethisch korrekt gequält und dann noch Kinder hinterlassen, die es nicht danken, und spätere Generationen erst recht nicht. Wem denn auch?
Vielleicht gibt es da aber auch noch andere Instanzen, Wesen? Die sehen, hören, beurteilen, was man da tut oder auch unterlässt, das Gewissen, Gott, Götter, die Seelen der Toten? Maßstäbe, die ich mir nicht einmal wählen kann, wenn es sie gibt? Aber wenn ich nicht an das Jenseitige glaube, so mag es andere Menschen geben, die einem wichtig sind und vor deren Urteil man bestehen möchte; vielleicht will man auch nur keinen Ärger, d.h. das Blutsaugen darf nicht so richtig auffallen, dann käme man vielleicht doch ganz gut durch dieses Leben?
Intelligenten Egoismus könnte man es nennen, charmant umschrieben, und ich glaube, es gibt (leider) einige, die so leben, manche davon sind sich dessen vielleicht nicht einmal bewusst, andere verdrängen es erfolgreich. Nun der intelligente Egoismus dieser Art taugt nicht als soziales Leitprinzip und daher lehne ich ihn ab. Wenn schon Egoismus, dann bitte sozialen Egoismus, d.h. erst mithelfen, den Kuchen zu backen. Dann darf man sich auch ein gutes Stück sichern, ohne aus dem Auge zu verlieren, dass für alle anderen auch noch ein Stück übrig bleibt. Die absolute Gleichheit ist ohnehin nicht möglich, aber auch nicht angemessen, denn nicht jeder will ein Stück Kuchen, das gleich groß ist, aber man will überhaupt eines, und auch – und erst recht – gefragt werden.
Fakt aber ist, dass nicht jeder ein Stück Kuchen erhält und schon gar nicht ein angemessenes, und gefragt werden auch die Wenigsten. Noch ärgerlicher ist es, dass auch viele ein übermäßiges Stück abbekommen, obwohl sie viel weniger oder gar nichts zur Produktion beigetragen haben, manchmal geradezu Kontraproduktives leisten. Die allermeisten werden dies als ungerecht empfinden. Sie werden sagen: Eigentlich müsste man es ändern! Aber im nächsten Satz heißt es schon: So sind „die“ Menschen (welche?) halt, und man kann sie nicht ändern, und Ungerechtigkeit hat es schon immer gegeben …

Die Ohnmacht der einen steht der Raffinesse der anderen gegenüber und das politische System, in globalen Maßstäben gemessen, ist offenbar nicht in der Lage, einen Ausgleich zu schaffen, faire Bedingungen einzuführen und zu gewährleisten. Und wenn es nur darum ginge, die Kluft zwischen arm und reich, die Unterschiede in den Kuchenstücken etwas geringer zu halten, schon das sollte als Motivation genügen, darüber nachzudenken, wie man dies schlicht über eine geeignete staatliche Organisation schaffen kann, durch entsprechende Gesetze, die auch beachtet und durchgesetzt werden. Mehr aber noch sollte eine Motivation bestehen, darüber nachzudenken, wie politische Gewalt und Unterdrückung vermieden werden können, wie Kriege, Folter und politische Verfolgung zu einem Kapitel der Vergangenheit werden können.

Neben den Hungernden und den Hungertoten, den verarmten Menschen in den Slums gibt es für mich kaum motivierendere Bilder als diejenigen aus Kriegsberichterstattungen; Todeskommandos, denen unschuldige Frauen und Kinder auf grausamste Weise zum Opfer fielen. Freiheitskämpfer, die für edle Ziele Verfolgung, Folter und Tod erleiden mussten. Menschen, die in Angst vor der Willkür und der Gewalt der Mächtigen leben mussten und müssen. Wir können es in diesen Tagen wieder täglich auf den Bildschirmen sehen, wie sich Menschen in den verschiedensten Ländern diesen Gefahren aussetzen müssen.
Sollte es wirklich nicht möglich sein, den Frieden, die Wegnahme dieser Ängste und Sorgen weltweit zu organisieren? Kann dies nicht durch veränderte Strukturen erreicht werden? Ist die staatliche Ordnung in Deutschland z.B. nicht ein Zeichen dafür, dass man den „inneren“ Frieden auch staatlich, etwa durch intelligente Aufteilung der Polizei und der militärischen Gewalt nachhaltig organisieren kann, so dass man wenigstens hierzulande tatsächlich ohne größere Ängste vor „innerer“ Bedrohung leben kann?

Vielleicht ist folgende Überlegung hilfreich: Man betrachte das ganze globale Geschehen als „innere“ Angelegenheit der Menschheit, die doch in der Lage sein sollte, diesen inneren Frieden genau so zu organisieren, wie das einzelnen Nationalstaaten auf ihrem Gebiet gelungen ist. Es ist eben nur eine andere Dimension, aber eine objektiv vernünftigere, denn die nationale Dimension hängt davon ab, welche Macht, welchen Umfang und welche Interessen der Staat zum Teil aufgrund historischer Zufälligkeiten hat. Die Menschheit bleibt aber die Menschheit und sie hat insgesamt ein elementares Interesse am Frieden, dies kann – wie die Historie zeigt – bei einzelnen hegemoniebestrebten Nationen anders sein.

Wohl jeder würde sagen: Das ist eine bessere Welt, in der wir und unsere Nachfahren nicht mehr die soeben beschriebenen Ängste haben müssen. Ja, ich möchte, wie viele andere Menschen auch, eine in diesem Sinne bessere Welt; ich möchte eine Welt, die in der Lage ist, schnell und richtig zu erfassen, was wir mit diesem Globus veranstalten, und die so organisiert ist, dass sie schnell und zielgerecht die aus den Erkenntnissen abzuleitenden Entscheidungen trifft – zum Wohle der gesamten Menschheit. Ich möchte auch eine Welt, in der niemand mehr Hunger leidet, die den Boden samt seiner Schätze und Früchte gerechter, gleichmäßiger verteilt und daraus nicht einen gnadenlosen Kampf um Vorrechte und Profit entstehen lässt. Die Vorstellung von einer solchen Welt, von der nicht nur ich, sondern auch die allermeisten Menschen profitieren würden, das ist für mich eine starke Motivation, nach Wegen zu suchen.
Der Glaube daran und die Hoffnung, dass es diesen Weg gibt, das sind die Triebfedern, das Hirn in Bewegung zu setzen und das „Unmögliche“ zu wagen: Einen Weltstaat zu denken und zu entwerfen, der in der Lage sein könnte, zumindest die wesentlichen dieser Wunschvorstellungen zu erfüllen. Ich glaube, dass GLOCALIS die Vorstellung von diesem Staat, zumindest aber eine der denkbaren Lösungen ist.

Neben dieser starken Motivation, daran mitzuwirken, die Menschheit vor diesen hausgemachten und vermeidbaren Ängsten zu befreien, also neben der „Befreiungsmotivation“ (frei von …) gibt es aber auch die Motivation der positiven Freiheit (frei zu …). Denn die befriedete, plurale Welt, die enorme politische und wirtschaftliche Potentiale freisetzen kann, weil sie weniger für Sicherheit aufwenden muss (Militär entfällt!), diese Welt eröffnet die Möglichkeit vielfältiger sozialer Lebensformen. Sie kann ein mehr an Kultur, an Reichtum des sozialen Lebens entfalten, „Mehrwerte“ schaffen, die nicht zerstört oder unterdrückt werden.
In dieser Vielfalt kann die klassische Familie ebenso Platz haben wie der ungebundene Individualist, der Stadtneurotiker und der Naturbursch, sexuell und nicht sexuell orientierte Lebensgemeinschaften in unterschiedlichen geschlechtlichen Konstellationen. Gemeinschaften von „Altgläubigen“, „Neugläubigen“, „Andersgläubigen“ „Irgendwie-Gläubigen“ und „Gar-nicht-Gläubigen“. Es sind COMUNIA denkbar, die religiös homogen sind (eines Glaubens) und solche, die es nicht sind, solche, die so gut wie kein Gemeinschaftsleben haben (Fernseh-, Computer- und Buchindividualisten) und solche, die alles und jedes miteinander teilen. Und in diesem vergrößerten Spektrum von Möglichkeiten fällt es auch leichter, sich zu verwirklichen, denn man kann sich nur so (selbst) verwirklichen, wie es die jeweilige Gemeinschaft zulässt, d.h. mit der Anzahl und der Unterschiedlichkeit der Angebote steigt auch die Wahrscheinlichkeit des erfolgreichen Findungsprozesses. Die Welt wird offener, zugänglicher, freier und die Menschheit hat eine (länger währende) Zukunft.

Alles schöne, motivierende Aussichten, wobei es mir fast genügen würde, wenn auch nur das „Befreiungsziel“ erreicht werden könnte, als Motivation reicht es allemal.

Nicht zuletzt: Das eine tun und das andere nicht lassen! Sich auf die Schaffung eines neuen Staatsverständnisses zu konzentrieren, das – mit den genannten Motivationen – in der Lage sein soll, diese Vorstellungen zu verwirklichen, muss nicht heißen, dass sonstige individuelle Aktionen, von Spenden angefangen bis zum persönlichen Engagement in entsprechenden Initiativen und Projekten wie z.B. „Greenpeace“ und „AI“, überflüssig wären; nein, sie sind gute Beispiele auf dem richtigen Wege. Aber ich bin der Überzeugung, dass der Weg der Einzelinitiativen allein nicht ausreicht, weil er die Strukturen nicht auflöst, die Kriegsrisiken, Unterdrückungsmechanismen, Umweltausbeutung und Umweltzerstörung etc. bedingen. Den Weg der vielen „guten Einzeltaten“ und nur diesen zu gehen heißt, die Energie darin zu verbrauchen, ein löchriges Fass ständig mit einzelnen Flicken zu versehen, statt – gleichzeitig – an der Schaffung eines neuen Fasses zu arbeiten, das – weil doppelwandig – einen besseren, nachhaltigeren und effektiveren Schutz der kostbaren Flüssigkeit verspricht.
Und diese kostbare Flüssigkeit ist nichts anderes als unser individuelles und soziales Leben und das all jener Menschen, die uns – hoffentlich – noch folgen werden. Wenn uns daran gelegen ist, dann nenne ich das Menschenliebe. Ich bekenne mich dazu, das ist meine Motivation.
Dafür lohnt es sich, ein wenig nachzudenken.

2 Kommentare

  1. You could definitely see your enthusiasm within the article you write.

    The world hopes for more passionate writers like you who aren’t afraid to mention how they believe. Always go after your heart.

  2. Thats a nice comment. Obviously you got it in german. What was your way to find it and what is your interest?

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